Und weil Thumanns Umstände und deshalb die Umstände des Gesprächs so außergewöhnlich sind, beginnt unsere aktuelle Titelgeschichte im stern damit:
„Stefan Thumann sitzt in einem Raum ohne Fenster, an einem geheimen Ort. Sein Gesicht ist schmaler geworden, er sieht müde aus. Er trägt ein braunes Jackett mit Einstecktuch, eine Erinnerung an sein altes Leben.
Er habe sein Testament gemacht, sagt Thumann.
Stefan Thumann ist 39 Jahre alt. Seit neun Monaten lebt er an Orten wie diesem, er muss sie häufig wechseln. Seine Verbindung zur Außenwelt sind Kryptocomputer und Männer mit breiten Schultern, die ihn bewachen. Und wenn er sein Safe House doch einmal verlässt, weichen die Männer mit den breiten Schultern nicht von seiner Seite. Alle Handys sind so präpariert, dass sie möglichst keine Spuren hinterlassen.
Thumann sagt, er schlafe neben seinem Computer. Und wenn er aufwache, beginne er zu arbeiten. Damit er möglichst wenig über seine Lage nachdenken muss."
Der Report ist Teil einer monatelangen Recherche, an der ein Team von stern und RTL gearbeitet hat. Sie gibt tiefe Einblicke in eine Entwicklung, die Deutschlands Sicherheitsbehörden sehr besorgt. Sie sehen in Thumanns Fall ein krasses Beispiel, aber ihr Befund ist eindeutig. Während der russische Präsident Wladimir Putin die Ukraine bekämpft, hat er begonnen, seinen hybriden Krieg gegen Deutschland zu eskalieren. Spionage, Sabotage, Anschläge.
Der Chef des Verfassungsschutzes Nordrhein-Westfalens vergleicht die Lage mit der Hochphase des Kalten Krieges. Das Interview meiner Kollegen können Sie hier lesen.
Anders als damals setzen Russlands Geheimdienste heute ein Heer von Amateurspionen ein – Wegwerfagenten genannt. Mittelsmänner werben sie für kleines Geld im Internet an. Um zu verstehen, wie das System funktioniert, haben sich zwei Undercover-Reporter zum Schein anwerben lassen